
Wir alle halten manches für selbstverständlich, ohne zu hinterfragen, ob es wirklich stimmt.
Viele unserer Entscheidungen beruhen auf Überzeugungen, die wir nie bewusst hinterfragt haben. Meist bemerken wir sie erst, wenn sie sichtbar werden.
Mich hat irgendwann eine Frage nicht mehr losgelassen: Warum werden sie ausgerechnet beim intuitiven Bogenschießen so deutlich sichtbar?
Bogenschießen? Ernsthaft?
Das hätte ich am Anfang auch nicht gedacht.
Auf den ersten Blick wirkt intuitives Bogenschießen wie ein ungewöhnlicher Ansatz, um menschliches Verhalten zu beobachten. Aber anders als in vielen Alltagssituationen handeln Menschen beim intuitiven Bogenschießen unmittelbar. Sie überlegen nicht lange, wie sie wirken möchten oder welche Antwort gerade richtig wäre. Sie konzentrieren sich auf den nächsten Schuss.
Mich interessiert dabei nie, wie gut jemand trifft. Spannend ist für mich die Frage, warum Menschen in derselben Situation so unterschiedlich handeln. Immer wieder zeigt sich, dass nicht die äußeren Bedingungen den Unterschied machen, sondern die Annahmen, mit denen jemand an die Situation herangeht.
So werden Verhaltensmuster sichtbar, über die vorher niemand gesprochen hat. Nicht, weil Bogenschießen Menschen durchschaut, sondern weil es einen Erfahrungsraum schafft, in dem viele einfach handeln.
Im Laufe der Zeit sind mir beim Bogenschießen viele solcher Situationen begegnet. Zwei davon sind mir besonders in Erinnerung geblieben.
Situation 1: Der Luftballon

Eine Teilnehmerin hat ihren Wunsch nach mehr Mut auf die Zielscheibe geschrieben und auf einen Luftballon ihre Angst vor Veränderung. Der Luftballon hing vor der Zielscheibe und verdeckte den Mut.
Naheliegende Aufgabe: den Luftballon zum Platzen zu bringen und so den Mut freizulegen.
Das wollte und wollte nicht gelingen. Die Pfeile kamen dem Luftballon immer wieder gefährlich nahe, aber er platzte nicht. Mit jedem Schuss wurde die Teilnehmerin angespannter. Sie wollte endlich Erfolg haben und ärgerte sich zunehmend über sich selbst.
Ihr Umgang mit Zielen und dem Druck, unter den sie sich selbst gesetzt hat, war bis dahin kein Thema. Sichtbar wurde er erst beim Schießen.
Situation 2: Die ältere Schützin
Zu einem Kurs hatte sich eine ältere Frau angemeldet. Sie war nicht besonders groß, eher kräftig gebaut und trug an fast jedem Finger einen goldenen Ring.
Ich war ziemlich sicher, dass sie mit einem leichten Bogen am besten zurechtkommen würde und gab ihr den schwächsten Bogen, den ich dabeihatte.
Mit dieser Einschätzung lag ich gründlich daneben.
Schon nach den ersten Schüssen war klar, dass sie mit dem Bogen völlig unterfordert war. Am Ende schoss sie mit einem Modell, das ich ihr niemals zugetraut hätte.
Auch ich war einer Annahme gefolgt, ohne sie zu hinterfragen.

Aufnahme aus einem meiner Kurse
Die Situationen sind ganz unterschiedlich. Die Muster dahinter begegnen mir jedoch immer wieder. Und mit der Zeit wurde mir klar, dass Bogenschießen ein Türöffner sein kann: Ein Türöffner zu Mustern, die uns oft gar nicht bewusst sind.
Das hat mich neugierig gemacht.
Aus Beobachtungen wird eine Arbeitsweise

Anfangs habe ich diese Muster nur für mich beobachtet. Besonders häufig ist mir aufgefallen, dass sich viele Frauen mit dem Loslassen schwertun. Nicht im übertragenen Sinn, sondern ganz konkret: Sie halten die Spannung, die Finger bleiben an der Sehne und der Pfeil fliegt nicht.
Irgendwann habe ich angefangen, diese Beobachtung am Ende der Kurse anzusprechen. Die allermeisten Frauen, die ich darauf angesprochen habe, haben mir bestätigt, dass das Loslassen auch außerhalb des Bogenschießens eine Rolle spielt.
Daraufhin habe ich mich gefragt, ob sich in anderen Phasen des Schussablaufs ähnliche Zusammenhänge zeigen und habe genauer hingeschaut. Manche Parallelen zwischen Schussphasen und persönlichen Themen waren sofort erkennbar, andere habe ich erst im Laufe der Zeit entdeckt.
So entwickelte sich Schritt für Schritt der Zielphasen-Zyklus und meine heutige Arbeitsweise.
Für mich ist der Zielphasen-Zyklus ein Kompass. Wenn eine Frau weiß, wo sie steht und wo sie hin möchte, können wir diesen Kompass nutzen, um herauszufinden, welcher Weg zum Ziel für sie gangbar ist.
Wie wir diesen Weg gehen, ist jedes Mal anders. Manchmal führt ein Gespräch zum nächsten Schuss. Manchmal führt der nächste Schuss zu einem Gespräch. Gemeinsam entscheiden wir immer wieder, ob wir bei einem Thema bleiben, etwas Neues ausprobieren oder einfach Freude am Schießen haben.
Der Zielphasen-Zyklus gibt dabei Orientierung. Das Tempo und die nächsten Schritte ergeben sich aus dem, was für die Frau in diesem Moment passt.

Beginnt Ihre nächste Geschichte mit einem Pfeil?
Ich bin gespannt.


