Warum wir verlernt haben, unserer Intuition zu vertrauen.

- Verdammt, warum habe ich nicht doch noch mal nachgefragt?
Eigentlich weiß ich doch, dass ich mich hinterher darüber aufrege, wenn ich mich schon frage, ob ich fragen soll und es dann nicht tue. Nicht, dass ich nicht wüsste, warum ich nicht gefragt habe: Die Fakten sagen „eigentlich, ist nicht nötig. Eigentlich ist alles klar.“
Und während ich das schreibe, kommt mir eine Erkenntnis: Wenn ich in irgendeinem Satz ein „eigentlich“ denke, sollte das für mich ein Marker sein. Ein Ausrufezeichen, das mir ganz deutlich sagt: Tu es, auch wenn die Fakten dagegen sprechen.
Denn wenn die Fakten allein zählen würden, würde ich mich nicht fragen.
Das Verrückte ist ja: Ich habe die Intuition nicht einmal überhört. Ich habe sie wahrgenommen. Ich habe mir die Frage gestellt. Ich habe sie nur anschließend mit meinen „eigentlichen“ Argumenten wieder aus dem Weg geräumt. Als ob eine Entscheidung automatisch sinnvoller wäre, wenn sie rational begründet wird und weniger sinnvoll, wenn wir sie nicht rational erklären können.
Ja, wir haben gelernt, dass rationale Entscheidungen gute Entscheidungen sind. Und wir haben gelernt, dass Intuition bestenfalls ein Bauchgefühl ist. Irgendetwas Diffuses. Etwas, das man lieber für sich behält, wenn man kompetent wirken möchte.
Besonders Frauen kennen diese Situation. Wer sagt: „Ich kann es noch nicht begründen, aber ich bin sicher, dass das der richtige Weg ist.“ riskiert schnell, als emotional oder unprofessionell wahrgenommen zu werden.
Dabei lohnt sich ein genauerer Blick. Denn die spannende Frage lautet nicht „Intuition oder Verstand?“.
Die spannende Frage lautet „Warum entweder… oder…?“.
Intuition ist mehr als nur ein Bauchgefühl
Wenn ich von Intuition spreche, meine ich nicht Esoterik. Und ich meine auch nicht den berühmten sechsten Sinn. Ich meine die Fähigkeit unseres Gehirns, Erfahrungen, Beobachtungen und Informationen unbewusst zu verarbeiten und miteinander zu verknüpfen, lange bevor unser Verstand sie in Worte fassen kann.
Der Neurowissenschaftler Prof. Dr. Volker Busch bringt es treffend auf den Punkt. Intuition ist das Ergebnis kondensierter Erfahrung. Sie ersetzt analytisches Denken nicht. Sie ergänzt es.
Auch die Entscheidungsforschung beschäftigt sich seit Jahren mit diesem Zusammenspiel. Gerade bei komplexen Entscheidungen, bei denen nie alle Informationen vollständig vorliegen, kann Intuition eine wichtige Ergänzung zum analytischen Denken sein. Vorausgesetzt, sie greift auf entsprechende Erfahrung zurück.
Das eigentliche Problem ist nicht die Intuition
Ich habe den Eindruck, dass wir Intuition durchaus akzeptieren solange niemand sie so nennt.
Der Organisationspsychologe Andreas Zeuch beschreibt gemeinsam mit Markus Hänsel, dass Intuition im Management durchaus genutzt wird. Sie wird nur erstaunlich selten offen als Grundlage einer Entscheidung benannt.
Auch Gigerenzer und Gaissmaier weisen darauf hin, dass erfahrene Führungskräfte häufig intuitiv entscheiden. Wenn sie ihre Entscheidung anschließend erklären, geschieht das jedoch meist über rationale Argumente.
Warum?
Warum gilt der Verstand soviel mehr als die Intuition?
Mir stellt sich da die Frage: Ist es wirklich die Entscheidung, die wir bewerten?
Oder bewerten wir in Wahrheit ihre Begründung? Und betrachten bei Frauen ausgerechnet die intuitive Begründung als Beweis dafür, dass sie nicht rational entscheiden können?
Wenn eine Frau sagt: „Ich kann das noch nicht vollständig begründen, aber ich bin überzeugt, dass es richtig ist.“, wird das nicht selten als Schwäche ausgelegt. Treffen andere dieselbe Entscheidung und liefern anschließend eine schlüssige rationale Argumentation, gelten sie als analytisch und souverän. Ob die Entscheidung tatsächlich aus einer Excel-Tabelle entstanden ist oder aus jahrelanger Erfahrung, spielt dabei oft kaum noch eine Rolle.
Warum wir beides brauchen

Beim intuitiven Bogenschießen kannst du mit einer Hand halten entweder den Bogen halten oder die Sehne spannen. Beides für sich bringt dich aber nicht zum Ziel. Erst im Zusammenspiel kann der Pfeil sein Ziel erreichen. Warum also sollten wir ausgerechnet bei Entscheidungen glauben, dass es sinnvoll ist, den Verstand gegen die Intuition auszuspielen?
- Der Verstand analysiert, die Intuition erkennt Muster.
- Der Verstand prüft Risiken, die Intuition greift auf einen Erfahrungsschatz zurück, den wir oft gar nicht bewusst benennen können.
Beides zusammen führt meist weiter als jedes für sich allein.
Und dann braucht es noch etwas Drittes.
Standing
Denn was nützt dir die beste Analyse und die treffendste Intuition, wenn du dich am Ende nicht traust, zu deiner Entscheidung zu stehen?
Standing bedeutet für mich Selbstvertrauen, Selbstwertgefühl, Selbstsicherheit und Selbstermächtigung. Es ist die Fähigkeit, der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen, auch wenn sie sich (noch) nicht bis ins letzte Detail erklären lässt.
Vielleicht sollten wir deshalb aufhören zu fragen „Intuition oder Verstand?“. Beim Bogenschießen käme schließlich auch niemand auf die Idee zu fragen „Bogen oder Sehne?“.
Ich brauche meinen Verstand, ich brauche meine Intuition und vielleicht vor allem den Mut, beide ernst zu nehmen.
Quellen:
- Busch, V. (2026): Der Bauch denkt mit. managerSeminare, Ausgabe 335.
- Zeuch, A.; Hänsel, M. (2003): Intuition im Management – Auf die innere Stimme hören. managerSeminare, Ausgabe 69.
- Gigerenzer, G.; Gaissmaier, W. (2011): Heuristic Decision Making. Annual Review of Psychology, 62, S. 451–482.


